Von Astrid Bonfigt
veröffentlicht in TAROT HEUTE
Ausgabe 2 - April 2004
Die Kelchkönigin findet sich wieder in einer Runde von Menschen, von denen ihr jeder einzelne auf mysteriöse Weise unheimlich wichtig werden kann. Sie sieht das, was wirkt. Sie sieht das Wesen, das hinter ihren Gesichtern lebt. Mit seismographischer Genauigkeit konstatiert sie unterschwellige Stimmungen ihrer Umgebung, dennoch kann sie sich an die unwirtlichsten Bedingungen anpassen. Früher, als Kind konnte sie am längsten und sehr überzeugend beleidigt auf den Boden ihres Glases gucken, wenn man sie auf einer Geburtstagsfeier übergangen hatte. Oder sie konnte sich auf Klassenfahrten tränenüberströmt stundenlang auf dem Mädchenklo einsperren, wenn sie fand, dass wieder mal niemand sie verstand.
Sie kann sich mit den Augen ihres Gegenübers betrachten und liest jede noch so kleine Veränderung in der Mimik ihres Gegenübers wie ein offenes Buch. Sie ist die erste, die sieht, wenn es jemandem zum Heulen zu Mute ist, trotz lachendem Gesicht; sie ist es, die sich daneben setzt, dort berührt, wo es gleichzeitig weh tut und gut tut, und sie ist es, die dann mitheult oder gar stellvertretend heult.
Sie weiß einfach, wie sie die Herzen gewinnt, tut aber erschrocken, wenn man ihr das aufs Gesicht zusagt: "nein, sowas Berechnendes würde sie niemals tun". Ein Mann, der sie sieht, sieht eine sanfte, süße, zierliche und liebe Frau, die leicht errötet, wenn man ihr etwas Angenehmes sagt. Und dann ist da noch der sehnliche Wunsch, den sie in Männern weckt: sie beschützen zu dürfen und alles an Zärtlichkeit aufbringen zu wollen, um ihre Hingabe zu erleben.
Selten kann ein Mann sich vorstellen, dass es gerade die Kelchkönigin ist, die mit einem ignoranten "pff" jede Konversation sofort beenden kann, wenn man ihr auf den gepflegten Rocksaum tritt, oder ihr einen Hauch zu derb zu verstehen gibt, dass man sie sexuell attraktiv findet. Und irgendwann wird es immer zu derb sein... Dann, wenn man sie an einem ihrer vielen (durchaus wechselnden) wunden Punkte aus Versehen erwischt hat, stampft sie auf und mit Tränen der Wut kann sie regelrechte Schimpftiraden loslassen, so dass man sich völlig verdutzt fragt, wo auf einmal diese süße, liebe Frau von eben geblieben ist.
Manchmal kann man sie beobachten, wie sie da sitzt in Selbstversunkenheit, während sie ganz sanft mit dem Finger einer Vertiefung in der Holzmaserung folgt, völlig fern dem Ort ihrer körperlichen Anwesenheit. Und wenn man sie fragt, wo sie gerade war, sagt sie meist sie habe nachgedacht, womit sie demjenigen, der sie kennt, signalisiert, sie habe sich gesehnt. Für sie ist der Rausch innerer Bilder normal. Sie glaubt, nur leben zu können, weil sie ihre Träume hat. Und sie wird nie verstehen, wie jemand nur so derart auf Äußerlichkeiten fixiert sein kann, während sie sich im Spiegel besonders sorgfältig zurecht macht, um bei Gelegenheit vor anderen beiläufig zu erwähnen, dass sie sich mal eben wahllos etwas übergezogen hat. Wenn jemand ein Summa-cum-Laude-Zertifikat im Tiefstapeln haben will: sie ist die beste Lehrerin. Aber man darf sich nicht wundern, von ihr plötzlich, aus heiterem Himmel das Gegenteil jeder Erwartung vorgesetzt zu bekommen. Zum Beispiel Aufgedrehtheit, Übermut, sprühender Humor - auch sich selbst Gegenüber. Das passiert ihr, wenn sie sich sicher fühlt und aufblühen kann. Dann stürzt sie sich mit Leidenschaft in jedes Erlebnis, dann ist auf einmal alles möglich. Und an die totale Erlösung hat sie ja eh schon immer geglaubt.
Am meisten hasst sie selbst ihre Verletzlichkeit. JEDE Kelchkönigin hat schon verzweifelt in ihr Kissen geweint, die Hände zum Himmel gerungen oder mit tränenroten Augen die wundersamen Gebilde auf der Tapete betrachtet, während sie sich nichts sehnlicher gewünscht hat, als stumpfer, cooler und schlagfertiger zu sein. Sie merkt sehr spät, wann sie sich selbst zu weit verlassen hat, um es jemand anderem recht zu machen. Aber sie kann in Krisensituationen genau das heraufbeschwören, was sie tief, unbeschreiblich glauben lässt. Und sie ist immer stärker als sie sich fühlt.
Tarot Karte Königin der Kelche mit freundlicher Genehmigung Königsfurt-Urania Verlag www.koenigsfurt.com