Einmal im Jahr treffen sich die Prüfer und Geprüften Mitglieder des Tarot e.V. zu Beratung, Austausch und Weiterbildung. Dieses Jahr hatte uns Susanne Paraquin am 10. und 11. November nach Nürnberg eingeladen, wo wir ein ganz besonderes Ambiente vorfanden. Die mächtige Nürnberger Burg könnte als Vorlage für manch eine Tarotkarte gedient haben! Hoch thront sie über der Stadt, geschützt von dicken Mauern, die auf hartem Fels errichtet wurden, überragt von trotzigen Türmen. Wer von der Burg hinunter schaut, dem liegt eine lebendige Stadt voller lauschiger Ecken und interessanter Bauwerke aus verschiedensten Epochen zu Füßen. Diese durften wir am Samstagvormittag, geführt von unserer Gastgeberin, erkunden.

Als erstes führte uns Susanne Paraquin in das Dürer Haus/ Mu­seum. Frau Agnes Dürer persönlich (1494 - 1528) führte uns durch ihre All­tagswelt in der Zeit der Renaissance. Wir lernten ihre Familie, ihre Küche, ihr ganzes Haus kennen. Sie er­zählte davon, dass sie und Albrecht sich sehr gerne mochten. In Zeiten der Pest hatte sie einmal das Glück, außerhalb von Nürnberg in Frankfurt zu weilen und somit nicht der direkten Gefahr ausgesetzt zu sein. Albrecht Dürer war in dieser Zeit in Venedig, er ließ sich nicht von den reichen Venezianern abwerben und kehrte nach Nürnberg zurück. Da die Dürers keine Kinder hatten, konnte sich Agnes dem betriebswirtschaftlichen Erfolg der „Firma Dürer“ widmen. Durch das neue Druckverfahren konnten nun auch reiche Bürger Kunst erwerben. Diese war nicht mehr nur dem Adel und der Kirche vorbehalten. Agnes  verkaufte die Drucke auf dem Markt, sorgte in der Handwerksstube dafür, dass alles lief. Die Lehrlinge mussten beaufsichtigt werden, sie musste dafür sorgen, dass immer genügend teure Farbpigmente vorhanden waren und vieles mehr. Sie war eine tolle Frau, die ihrem Mann den Rücken für seine Kunst frei hielt. Dieses Museum ist sicher mehrere Besuche wert.

Dann traten wir hinaus in die Jetztzeit und die Stadtführung durch Nürnberg an. Nach der Reformation wurden die Kunstschätze in den Nürnberger Kirchen belassen. Der Rat der Stadt war damals sehr modern und weitsichtig. So können wir noch heute die sakralen Werke dort bewundern. Wir besichtigten die gotische Frauenkirche und St. Lorenz (ebenfalls gotisch) mit dem berühmten Engelsgruß von Veit Stoß.  Punkt 12 Uhr hörten und sahen wir den „Männleinlauf“ mit Glockenspiel an der Frauenkirche. Seit 700 Jahren huldigen die sieben Kurfürsten Kaiser Karl  IV., der mit der „Goldenen Bulle“ Regeln für die Wahl des römisch-deutschen Königs eingeführt hatte.

Wir schlenderten über den Markt und deckten uns mit den berühmten Nürnberger Lebkuchen ein, gingen bis zur Nürnberger Fleischbrücke und zum Ochsenportal. Dazu gibt es eine kleine Geschichte: Wenn jemand eine Frage stellt und keine befriedigende Antwort erhält, sagt der schlagfertige Nürnberger: „Na, des hätt mer der Ochs uff der Fleischbrüggn aa g'sacht“.

Am Nachmittag trafen wir uns dann in der Jugendherberge, die in den ehemaligen Kaiserstallungen untergebracht ist und vielleicht eine der schönsten Jugendherbergen der Welt darstellt. Etwas fußlahm von der Stadtwanderung und den teilweise erheblichen Anstiegen, jedoch nichtsdestoweniger mit viel Elan nahmen wir unsere Arbeit auf, die uns hier zusammengeführt hatte. Bereits seit zwei Jahren ist nicht nur der Vorstand, sondern auch jedes Geprüfte Mitglied zur Zusammenkunft der Prüfer eingeladen. Diesmal hatten sich acht Teilnehmer zusammengefunden. Am Anfang berichtete Kirsten über die Reise einiger Mitglieder zur Tarot Conference in London, die nicht nur erlebnisreich, sondern auch ein voller Erfolg war. Der Tarot e.V. konnte nicht nur durch einen eigenen Stand auf sich aufmerksam machen, sondern gewann sogar fern der Heimat ein neues Mitglied. Die Zeiten des Mitgliederschwundes scheinen endgültig vorüber zu sein. Positives gibt es auch bezüglich der Prüfungen zu vermerken: Zwei Tarotfreundinnen sind gerade mit Eifer dabei, ihre schriftliche Arbeit zu verfassen. Und es gibt noch weitere Interessierte. Dem kann der Verein natürlich nur gerecht werden, wenn genügend Prüfer zur Verfügung stehen. Wie steht es darum? Kürzlich hat Praxida Siehl ihre langjährige Tätigkeit als Prüferin aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben. Somit sind momentan nur Kirsten und ROE Buchholzer sowie Annegret Zimmer, also gerade noch drei Mitglieder, als Mentoren und Prüfer aktiv. Das möchten wir so bald wie möglich ändern und neue Prüfer gewinnen. Bereits im letzten Jahr haben wir dafür Rahmenbedingungen erarbeitet und diese auf der diesjährigen Mitgliederversammlung vorgestellt. Drei Mitglieder des Vereins haben inzwischen Interesse bekundet, die Aufgabe zu übernehmen. In Kürze wird der Verein mit diesen Mitgliedern in Kontakt treten und den weiteren Ablauf klären. Auch auf diesem Gebiet geht es also voran.

Am Abend fand wie immer ein offener Stammtisch statt. Wir versammelten uns in den lauschigen „Trödelstuben“, wo Gelegenheit war, in einer winzigen Gaststube eng zusammen zu rutschen und in die Karten zu schauen. Natürlich bei deftigen fränkischen Speisen und Getränken. Ein gelungener und für manche von uns auch ein langer Abend, an dem auch mehrere Freundinnen vom Nürnberger Tarotstammtisch teilnahmen.

Am Sonntag trafen sich alle, auch die spätesten Nachtschwärmer, munter und vergnügt zum Weiterbildungsprogramm für Geprüfte Mitglieder, welches diesmal nicht nur unter dem Motto „Geben und Nehmen in der Tarotberatung“ stand, sondern auch tatsächlich jedem Anwesenden die Möglichkeit bot, sowohl etwas mitzunehmen als auch beizusteuern. Jeder Programmpunkt war interaktiv angelegt, bei jedem war Mitwirkung gewünscht. Zunächst teilte Susanne Paraquin rote und blaue Zettel aus, auf die jede/r Teilnehmer/in aufschreiben sollte, was er/sie bei einer Beratung gibt und was sie dafür als Gegenleistung erhält. Viele verschiedene Fakten kamen dabei zum Vorschein: wir geben unser Wissen und Können, sammeln aber auch Erfahrungen, gewinnen manchmal sogar neue Kompetenzen hinzu und entwickeln uns anhand unserer Arbeit weiter. Dann kam Tarot ins Spiel: Zu den Themen Geben und Nehmen wurde jeweils eine Karte gezogen, die das Gesagte und Wahrgenommene auf der unterbewussten Ebene ergänzte und wohl für jeden ein Aha-Erlebnis bot.

Harald Schmidt führte uns in seinen Ausführungen zunächst vor Augen, wie man durch ein Kirchlein guckt, und zeigte uns, wie man eine bedarfssensible Waage baut, um die Bedürfnisse im Blick zu behalten und je nach Bedarf zu fordern und zu fördern. Anschließend durften wir uns in Zweiergruppen aus Ratsuchenden und Berater/innen in eine Beratungssituation begeben. Wobei – Überraschung – zuerst die Ratsuchenden die Berater/innen zur Frage beraten sollten: Was benötige ich als Berater/in? Die Erkenntnis, die der/die Berater/in daraus ziehen konnte, kam dem/der Ratsuchenden dann im darauf folgenden zweiten Teil der Übung, dem eigentlichen Beratungsgespräch zu einem Thema, direkt zugute. Eine sehr eindrückliche Erfahrung.

Nach der Mittagspause stimmten uns Brigitte Wohlleben und Monika Schanz mit Bildern und Texten auf die unterschiedlichen Beratertypen ein, wobei die luftige Beraterin besonders viel Anklang fand. Auch hier kam die Praxis nicht zu kurz, durften wir uns doch im Anschluss mit der Frage auseinandersetzen, wo wir selbst uns einordnen.

Den Abschluss bildete eine meditative Legung, an welcher alle Anwesenden teilhatten. Über zweiundzwanzig Schritte führte Annegret Zimmer in ein Labyrinth. Diese „Prozession nach innen“ und alle Aspekte, die dabei zu Tage treten, können sowohl als Weg zur eigenen Mitte als auch als Zugang zum wesentlichen Kern eines Themas oder zur Persönlichkeit des Ratsuchenden verstanden werden. Auffällig war an diesem Tag, dass am Anfang, also an den weiter vom Zentrum entfernt liegenden Punkten alle „guten“ Arkana kamen. Je mehr es ins Innere des Labyrinths ging, desto öfter erschienen die „schwierigen“ Karten. Es ging also tatsächlich ans Eingemachte. Es faszinierte mich auch an diesem Wochenende wieder, wie treffgenau die Karten antworten und wie wenig sie sich „zwingen“ lassen.

Dieses interessante, aktive Wochenende hat sehr viel Anklang gefunden. Einmal mehr hat sich gezeigt, wie wichtig der direkte Austausch ist. Allen Beteiligten ein herzliches Dankeschön!

Insbesondere bedanken wir uns bei Susanne Paraquin, die dieses Treffen vorbereitet, eine wunderbare Umgebung gewählt und uns mit vielen schönen Seiten von Nürnberg überrascht hat. Nürnberg und Tarot passen irgendwie gut zusammen.

Zum nächsten Treffen haben uns Kirsten und ROE am 23. und 24. November 2019 einmal mehr nach Hamburg eingeladen, wo es dann um aktuelle Trends im und mit Tarot gehen wird. Schon jetzt dürfen wir uns also auf eine erlebnisreiche Zeit freuen.

Aber vorher gilt: Wir sehen uns im Juni am Bodensee!

Karten mit freundlicher Genehmigung www.koenigsfurt-urania.de