Nach endlos erscheinenden Wintermonaten ist es endlich so weit: Die Sonne vergießt wieder großzügig ihr Licht und ihre Wärme über das Land. Sie entfesselt Lebendigkeit und Lebensfreude. Wir spüren sie wie sie unser Gesicht erhellt und erwärmt.

In vielen Kulturen und Sprachen ausgenommen dem Deutschen ist die Sonne männlich während der Mond weiblich ist. Solar bedeutet "äußerlich, hell und überschwänglich" im Gegensatz zu lunar, das als "innerlich, still, reflektierend" gilt. Gemäß dem Dualismus gehört der Himmel Gott, die materielle Welt Satan. Die Sonne scheint jedoch sowohl oben als auch unten und wie in einem Bibelzitat geht sie auf über den Gerechten und den Ungerechten.

Mit Aurora, der Göttin der Morgenröte, kann man am besten zu Tagesanbruch in Verbindung treten. Wer die Energie der ersten Sonnenstrahlen des erwachenden Tages kennt, weiß um ihren Reiz. Die ersten zarten Pflanzen neuer Ideen, die noch nicht das grelle Sonnenlicht vertragen, können von Aurora mit ihren sanften Strahlen beschienen werden.

Die alten Ägypter sahen in der Sonne den Gott Re. Die häufigste Erscheinungsform ist der falkenköpfige Gott, der auf seinem Kopf eine riesige Sonnenscheibe trägt. Zum einen repräsentiert die rote Sonnenscheibe die sinnlich wahrnehmbare Sonne am Tageshimmel, welche wiederum als Gott Aton verehrt wurde. Zum anderen wird die Sonnenscheibe auch als Auge des Gottes Re verstanden. Gott Re sieht, wärmt, durchlichtet die Welt und indem er es tut, ermöglicht er das Leben in seinen vielfältigen Formen. Er wird im Zusammenhang mit
dem Sonnenzyklus morgens als Kind, mittags als Erwachsener und abends als alter Mann dargestellt.

Nach dem Glauben der Ägypter fuhr der Sonnengott Re tagsüber mit einer Sonnenbarke über den Himmelsbogen und durchquerte nachts auf einer Nachtmeerfahrt das Wasser der Unterwelt. Für C.G. Jung hatte das Bild des Sonnengottes in seiner Barke, der mit dem Untergehen der Sonne des Nachts die Welt des Unbewussten durchfährt und mit seinem Auftauchen bei Sonnenaufgang aus dieser Welt des Dunklen, Unbewussten starke Symbolkraft. Der Archetypus der Nachtmeerfahrt findet sich in vielen Kulturkreisen und Mythen wieder. Bei Tarot durchquert der Held auf seiner Heldenreise auf dem Weg der Bewusstwerdung den Tagesbogen der Sonne. Dann beginnt die Nachtmeerfahrt, indem er in die Unterwelt hinab steigt, um den Weg der Initiation und Selbsterfahrung im Nachtbogen der Sonne zu passieren. Nach dem Weg durch die Tiefe tritt er die gefahrvolle Rückkehr zum Licht an, um als gereifte Persönlichkeit wie neu geboren hervor zu kommen.

Die Karte „die Sonne" im Tarot de Marseille zeigt ein Händchen haltendes Kinderpaar unter der Sonne. Bei Arthur E. Waite reitet uns ein nacktes Kind auf einem weißen Pferd entgegen, das eine rote Fahne schwingt. Es heißt, dass Arthur E. Waite seine Idee für die Gestaltung der Sonne von einigen Tarot Decks aus dem 17. und 18. Jahrhundert entnahm.

In Legungen bringt „die Sonne" Glück und Lebendigkeit. Sie weist auf eine freudvolle Zeit hin, die wir unbekümmert erleben können. Obwohl die Bedeutung Wohlstand einschließt, geht es hier nicht um Reichtum sondern darum, das Leben ohne Sorgen zu genießen. Das innere Glück liegt in der Einfachheit. Beim Thema Krankheit weist „die Sonne" auf Genesung hin und grundsätzlich steht sie für Vitalität und gute Gesundheit. „Die Sonne" symbolisiert Klarheit. Wenn eine Wahrheit verschwiegen wird, bringt sie Verstecktes ans Licht: „Die Sonne bringt es an den Tag".

Karte „die Sonne" von Tatjana Potemkin.

Ursula Dimper
Tarot München