Tarot wirkt!

Von Annegret Zimmer - Artikel aus Tarot Heute Ausgabe 6 - April 2005

Seriöse Tarotberatung erfordert ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein und Fingerspitzengefühl. Hier einige Gesichtspunkte, die sich im Umgang mit Rat Suchenden in meiner Praxis als wichtig erwiesen haben. 

Wer Tarot praktiziert, erweckt leicht den Eindruck, magisches Wissen zu besitzen. Manchmal ist die Wirkung des Gesagten nicht voraus zu sehen. Auf dem Berater lastet daher eine große Verantwortung.

Allgemein gilt in der Tarotberatung: Was man einmal gesagt hat, kann man nicht zurück nehmen. Das Gesagte entfaltet seine Wirkung unabhängig davon, ob man selbst von seiner Meinung überzeugt ist. Die Tarotberatung stellt überdies eine besondere Situation dar, bei der viele Rat Suchende zunächst davon ausgehen, dass ihr Gegenüber, der Tarotberater, über besonderes Wissen verfügt, das ihnen selbst unzugänglich ist. Auch wenn im Vorgespräch erklärt worden ist, dass es hier nicht um geheime Kenntnisse geht, sondern darum, über das eigene Verhalten Klarheit zu erlangen und förderliche Handlungswege zu erkennen, behält der Berater dennoch in den Augen des Rat Suchenden oft ein beträchtliches Maß an Autorität. Dessen sollten wir uns bewusst sein.

Wir können entweder den Rat Suchenden anspornen, indem wir ihn in seinem Verhalten bestätigen, Überzeugungen fördern oder ihn auf gewählten oder bereits eingeschlagenen Wegen vorantreiben. Oder wir können ihn hemmen, indem wir ihn von seinem gewählten Weg abbringen, seine Handlungen und Absichten bremsen, ihn stören, durcheinander bringen, ihn aus der Bahn werfen oder gar ihn seiner ersönlichkeitsgrundlage berauben. Das Ergebnis kann jeweils von förderlicher oder schädlicher Natur sein. So kann ein Ansporn durch den Berater im positiven Sinne Selbstvertrauen und Durchsetzungskraft fördern und vielleicht den letzten erforderlichen Handlungsanstoß liefern. Andererseits kann er den Fragenden auch darin bestärken, sich in etwas zu verrennen oder ihn gar in sein Unheil treiben. Eine Hemmung des Rat Suchenden durch den Berater muss dagegen nicht notwendig nur negative Folgen haben, indem destruktive Impulse die Persönlichkeit handlungsunfähig machen. Unter Umständen erfahren im Gegenteil negative Verhaltensweisen oder Einstellungen eine solch grundlegende Störung, dass völlig neu nachgedacht und anders gehandelt wird. Letztgenannte Effekte führe ich selbst jedoch nicht willentlich herbei, da ich die Folgen nicht abschätzen kann. Allenfalls ein ausgebildeter Psychotherapeut kann das.

Manchmal ist die Wirkung des Gesagten nicht voraus zu sehen. Auf dem Berater lastet daher eine große Verantwortung.

Selbst bei großer Achtsamkeit lassen sich verschiedene Unwägbarkeiten nicht ganz vermeiden. So ist die Wirkung des Gesagten nicht immer die, welche wir bewusst herbeiführen wollten. Auch ist oft nicht von vorn herein abzusehen, in welche Richtung die Entwicklung des Rat Suchenden gerade geht. Und schließlich sind wir sind Menschen mit eigenen Erfahrungen, Präferenzen und Ansichten, die unvermeidlich in unsere Arbeit einfließen. Daher halte ich es für extrem wichtig zu klären, woher ich meine Aussagen nehme, speziell dann, wenn diese nicht direkt aus den Karten abzulesen sind. Es geht mir darum, meine Erkenntnisse aus den Karten und meine persönlichen Meinungen deutlich auseinander zu halten, etwa durch Formulierungen wie  

  • · ich sage das jetzt, weil ich sehe…
  • · wenn du meine Meinung wissen willst…
  • · ein Sprichtwort / die Chinesen /die Astrologie sagt / sagen…  

Sehr wichtig für mich ist es, im Bewusstsein zu behalten, dass es sich bei der gestellten Frage um ein Problem des Rat Suchenden handelt, nicht um meins. Zum Tragen kommen zwar auch meine Fachkenntnisse, aber es sind seine Karten. Seine wie meine Intuition wirkt bei der Erklärung zusammen. Eine wunderbare Art, dies nicht aus den Augen zu verlieren, hat mir einmal eine russische Kartenlegerin verraten: Sie lässt den Rat Suchenden jedes Mal eine Signifikatorkarte wählen. Diese bleibt gut sichtbar auf dem Tisch liegen und erinnert immer an den Urheber der Legung.  

Gelegentlich kommt es vor, dass ich für den Rat Suchenden die Karten ziehen muss. Dann sind sie mindestens genau so sehr meine wie seine Karten, denn sie helfen vorzugsweise meiner Intuition auf die Sprünge. Aber dennoch bleibt es immer noch seine Frage und sein Problem, zu dessen Verständnis ich ihm verhelfen soll.  

Was bringt der Rat Suchende zu mir? Wie kann ich dem entsprechen?

(Wenn ich hier für den Rat Suchenden die männliche Form des Wortes verwende, so deshalb, weil ich Schrägstriche und Großschreibungen mitten im Wort nicht mag, nicht weil ich ausschließlich männliche Kunden habe.)  

Es ist in meinen Augen sehr wichtig, zu erkennen mit welchen Ansprüchen der Rat Suchende zu uns kommt. Andernfalls sind Irritationen vorprogrammiert. Hier einige Beispiele:  

1. Der Rat Suchende hat ein schicksalhaftes Ereignis zu verarbeiten, etwa den Tod eines geliebten Angehörigen, einen irreversiblen Verlust, unheilbare oder langwierige Krankheit. Er erwartet keine Lösung von uns, denn die gibt es nicht, sondern erhofft vielmehr Trost und Verständnis, und in zweiter Linie eine Erklärung des Warum. Vielleicht möchte er auch nur reden. Reden ist ein Schritt zur Verarbeitung. Indem ich ihn dazu animiere, helfe ich ihm, sein Leid in Worte zu fassen. Reden ist ja auch ein wichtiger Bestandteil der Beratungstätigkeit und daher auch adäquat zu unserer Arbeit als Berater.  

Manchmal gibt es keine Lösung, sondern nur Loslassen und Annehmen des Unvermeidlichen.

Wir können helfen,

- indem wir mit ihm die Trauer, die Angst aufarbeiten

- neue Wege zeigen, die nun gegangen werden können

- mit ihm einen Sinn in der Situation suchen, wenn er das möchte, ihn aber diesbezüglich nicht bedrängen

Wir sollten vermeiden,

- Lösungsvorschläge anzubieten

- ihn zu bedauern. Abgesehen davon, dass Rat Suchende das nur selten möchten, hilft es auch nicht, sondern hält ihn in Handlungsunfähigkeit.

Meines Erachtens sollte man ihm AUF KEINEN FALL zu erklären versuchen, dass das Geschehene „auch gute Seiten hat“ (Beispiel: „Es war das Beste für deine Mutter, so schlecht wie es ihr zum Schluss ging…“ „Wenn du es so nimmst, jetzt wo der Kerl weg ist, musst du auch nicht mehr so absolut tierisch auf deine Figur achten…“ oder gar Hinweise auf Wiedergeburt oder karmische Entscheidungen der Seele bei tragischen Todesfällen) Nur der Betroffene selbst kann die Geschehnisse so einordnen. Solange er nicht dafür bereit ist, sind derartige Hinweise ein Schlag ins Gesicht. 

2. Er hat ein Problem zu lösen, aber noch keine Idee wie. Möglicherweise entwickeln wir sehr schnell eigene Ideen und es drängt uns, Vorschläge zu machen. Hier müssen wir sehr sensibel darauf achten, ob er fremde Ideen überhaupt hören möchte, oder ob er sich dadurch blockiert oder bevormundet fühlt. Wenn wir unsere Vorschläge einfließen lassen, müssen wir für uns selbst genau unterscheiden zwischen dem, was die Karten nahe legen und dem, was wir uns überlegt haben. Und auch den Rat Suchenden dürfen wir darüber nicht im Unklaren lassen. 

3. Er hat schon mehrere Lösungsansätze und möchte den besten Weg wissen. Oder er hat sich bereits für einen Weg entschieden und will wissen, ob es der richtige ist. Als mitdenkende und mitfühlende Menschen neigen wir dazu, in solchen Fällen eine eigene Meinung zu äußern. Es ist jedoch gar nicht gesagt, dass wir die Situation richtig einschätzen. Es steht uns auch nicht zu, eine Wahl nach unseren Vorlieben für den Rat Suchenden zu treffen. Was für uns gut und richtig erscheint, muss es noch lange nicht für ihn und seine Mentalität sein.

Es geht um die Entscheidung des Rat Suchenden, nicht um unsere. Letztendlich helfen wir ihm dabei, sie mit ganzem Herzen zu treffen.

4. Er befindet sich bereits auf einem Weg und möchte Bestätigung oder Korrektur erfahren. Hier ist besonders wichtig, auf seine Empfindungen einzugehen. Wir können noch so viel bestätigen oder Korrekturen vorschlagen, wenn sich der Rat Suchende damit nicht wohl fühlt, wird er uns nur schwer Glauben schenken können. Daher ist es weitaus wichtiger, gemeinsam mit ihm positive Empfindungen oder Entschlüsse zu erarbeiten, auf die er aufbauen kann, wenn er weiter geht und neue Entscheidungen trifft.

5. Er möchte ganz allgemein die bevorstehende Entwicklung wissen. Meist hat er dabei dennoch einen bestimmten Lebensbereich vor Augen. Dies versucht man im vorbereitenden Gespräch zu klären, jedoch ohne ihn zu bedrängen. Das könnte nämlich dazu führen, dass er abblockt und für interaktiven Arbeit nur noch bedingt offen ist. Wenn er uns nicht wissen lassen möchte, worum es geht, müssen wir dies akzeptieren. Mit einer entsprechend allgemein gehaltenen Legung und Deutung ist es möglich, ein Bild der Situation zu entwickeln. Fasst der Rat Suchende dabei Zutrauen, wird er von ganz allein berichten und wir können immer noch über das spezielle Gebiet reden.

6. Er möchte uns prüfen, ad absurdum führen, vorführen und sonst absolut nichts weiter. Letztlich sicher kann man vor solchen Zeitgenossen nicht sein. Besonders bei geselligen Anlässen, wo unversehens die Karten auf den Tisch kommen, finden sie sich immer wieder ein. Wobei es unsere Entscheidung ist, ob wir in bierseliger Stimmung überhaupt Karten deuten. Ein guter Schutz sind allemal gute Preise für Beratungen, denn in der Regel überlegt man sich vorher, wieviel man sich einen Spaß kosten lässt. Ansonsten gilt: Als Berater ist man ein freier Mensch und entscheidet selbst, wie weit man in einer solchen Situation mitgeht. Unernste Rat Suchende vergeuden unsere Zeit. Gelegentlich gibt es aber auch gute Gründe, sich selbst zu beweisen, dass Tarot dummes Zeug ist. Eine Bekanntschaft mit einem seriösen Tarotberater, der auch Bedenken ernst nimmt, kann auf diesem Gebiet Wunder wirken und hat schon manchen Saulus zum Paulus gemacht.

„Troubleshooting “

„Wiederholungstäter“

Keine Legung ist wie die andere. Die Qualität des Augenblicks der Befragung spielt eine große Rolle.

Manche Rat Suchende haben bereits einen oder mehrere andere Berater konsultiert und wünschen sich eine Bestätigung der von diesen gemachten Aussagen oder möchten gar die Ergebnisse überprüfen. Meist erfahren wir das nicht oder erst im Gespräch, aber mitunter erzählen sie es auch recht freimütig. Ich mache in diesem Fall klar, dass jede Deutung eine Momentaufnahme in einer unwiederbringlichen Situation darstellt. Auch sonst weise ich darauf hin, dass jeder Deuter anders arbeitet und nicht mit gleichen Antworten zu rechnen ist. In diesem Sinne frage ich ihn, ob er die Frage tatsächlich noch einmal stellen möchte, auf die Gefahr hin, dass er durch andersartige Ergebnisse verwirrt wird. Urteile über die Fähigkeiten anderer Deuter verbieten sich meiner Ansicht nach.

„Rückversicherer“

Manche Personen wünschen ausschließlich Bestätigung ihrer Meinung oder ihres Tuns und sind für andere Meinungen nicht offen. Ihnen gegenüber empfiehlt sich absolute Ehrlichkeit. Zwar wird es schwer sein, sie von anderen Gesichtspunkten zu überzeugen, aber man kann versuchen, ihnen klar zu machen, dass alles immer mehrere Seiten hat. Ganz wichtig in meinen Augen: Es ist ratsam, die Ergebnisse der Tarotbefragung auf den Rat Suchenden wirken zu lassen, ohne Zustimmung zu fordern oder diese gar voraus zu nehmen ( „irgend wann werden Sie das auch so sehen…“). Der Rat Suchende entscheidet selbst, wann eine Änderung der Sicht für ihn akzeptabel ist.

Manche Situationen verlangen nach einem spielerischen Herangehen an Tarot.

Fehlender Rückzugsraum für Betroffenheit

Tarot kann starke emotionale Betroffenheitssituationen auslösen. Hierfür muss Raum und eventuell eine Rückzugsmöglichkeit geboten werden. Dies kann immer dann zu Problemen führen, wenn keine 4-Augen-Situation besteht. Mögliche Konsequenzen daraus:

a) Man arbeitet prinzipiell nur unter vier Augen mit der jeweiligen Person, „öffentliche“ Deutungen (Kneipe, Stammtisch – auch Tarotstammtisch!, Familienfeste) entfallen damit.

b) Man bittet den Rat Suchenden um sein Einverständnis für Deutungen im Rahmen einer Gruppe. Vorher mache man ihm klar, dass die Deutung mehr oder weniger persönlich werden kann und frage ihn „Möchtest du das unter diesen Umständen?“

c) Man unternimmt alle Deutungsversuche in spielerischer Form. Man sollte dann aber betonen, dass die sonst übliche Tiefe einer Tarotberatung so nicht erreicht wird. Auch dafür ist es sinnvoll, vorher das Einverständnis des Rat Suchenden zu erbitten.

Es ist IMMER unsere Entscheidung und Verantwortung, wie tief eine Deutung geht!!

 O Gespräch unter vier Augen, Arbeit in der Gruppe, Ausbildung oder Spiel – stets liegt es bei uns, das rechte Maß bei dem zu wahren, was wir sagen.

Tarot wirkt!

Kartenabbildung mit freundlicher Genehmigung  www.koenigsfurt.com