Artikel von Ernst Ott

erschienen in Tarot Heute Ausgabe 1 Januar 2004

Wer den Tarot befragt, erhält die Antwort in Form eines Bildes. Das ist eine sehr ungewöhnliche Art, eine Frage zu beantworten, die im Alltag wenig Nutzen bringen würde.

Eine unbrauchbare Antwort

Stellen Sie sich vor, Sie würden einem Freund schreiben und ihn fragen: „Kommst du mit zu dem Betriebsausflug?“ Als Antwort erhalten Sie per e-mail oder im Briefumschlag ein Bild mit blauem Himmel und Wolken, jedoch keinen Satz und kein Wort geschrieben. Sie würden vermutlich Ihren  Freund anrufen: „Warum sagst Du nicht ja oder nein, sondern schickst mir eine geheimnisvolle Bildbotschaft? Ich habe Dich nicht um ein Rätsel gebeten, sondern um Deine Antwort, ob  Du mitkommst oder nicht!“ Diese Reklamation wäre völlig berechtigt.

Ihr Freund könnte nun natürlich das Spiel auf die Spitze treiben und sagen: „Die Antwort liegt in diesem Bild.“ Jetzt kommen Sie ins Grübeln: Heißt der schöne blaue Himmel vielleicht: „Ja, ich komme gern“? oder liegt die Botschaft in den Wolken? Und wenn ja: Sollen die Wolken nun eine Verhinderung bedeuten? Oder soll ich sie als Schönwetterwolken sehen, was dann heißen könnte: „Ja, ich komme mit“? – Nein, so unklar sollte man eine klare Frage nicht beantworten!

Im Alltag, in dem wir uns meist eindeutig entscheiden müssen, setzen wir auf das klare Wort. Bilder sind jedoch immer vieldeutig und können unterschiedlich gelesen werden.

Die Sprache des Unbewußten

Genau deshalb eignet sich der Tarot nicht, um uns die Entscheidung abzunehmen, ob wir etwas tun oder lassen sollen oder ob eine Sache gut oder schlecht ausgeht. Dem Tarot-Orakel fehlt das eindeutige Ja oder Nein, denn Bilder sind immer vieldeutig.

Bilder sind jedoch die Sprache des Unbewussten. Wer eine Schicht tiefer forschen will, hat mit den geheimnisvollen Bildmotiven des Tarot ein erstklassiges Instrument in der Hand, das diese unbewussten Welten treffend wiederspiegelt und beschreibt. Kein Mensch kennt seine tieferen Schichten vollständig. Für unsere Betrachtung ist es unerheblich, wie der Einzelne diese Schichten benennt. Viele Varianten sind denkbar: Unbekannte Persönlichkeitsanteile, Triebe, das Unbewusste, die innere Stimme. Wer eine Botschaft aus diesen machtvollen tiefen Schichten der Psyche ins Bewusstsein heben möchte, braucht Methoden, die dem Wesen des Unbewussten entsprechen. Bilder enthalten diese ganzheitliche Dimension, sie sprechen Verstand und Gemüt gleichermaßen an. Wenn sich das Unbewusste spontan äußert, wie etwa in Visionen und Träumen, dann spricht es in der Regel über Bilder.

Hilfreicher Traum

Eine Studentin litt unter Prüfungsangst. Da sie daran glaubt, dass Träume sinnvollen Botschaften enthalten, bat sie um einen Traum, der ihr einen Hinweis gäbe, wie sie mit diesem Problem besser umgehen könnte. Sie erwachte mit leichtem Herzen; ihre einzige Traumerinnerung war ein blauer Himmel mit einigen Wolken darin.

Im Unterschied zu unserem ersten Beispiel war diesmal das Bild eine große Hilfe, denn die Studentin war bereit etwas Zeit zu investieren und aus dem Bild eine Deutung herauszuarbeiten. Ohne diese Mühe des Deutens und des Nachdenkens über sich selber funktioniert allerdings keine Orakeltechnik, weder Traumdeutung noch Tarot noch Astrologie. Die Träumerin entdeckte, dass die Prüfungsangst kleiner wurde und die Gelassenheit wuchs, wenn sie ihre Aufmerksamkeit nicht auf die Wolken richtete, sondern auf den blauen Himmel. In den Wolken sah sie Symbole für ihre Prüfungsangst. Der blaue Himmel hingegen erinnerte sie an das übergeordnete Ziel des Studienabschlusses. Ihr wurde bewusst: Im Grunde genommen kann ich viel, habe gut gelernt, ich kann die Prüfungen bestehen und habe eine spannende Zukunftsperspektive. Darauf wollte sie nun vermehrt ihre Aufmerksamkeit richten und die Prüfungswolken einfach vorüberziehen lassen.

Die Studentin hat dem Bild eine befriedigende, klare Antwort entnommen. Vielleicht wird sie später dem selben Bild noch weitere Deutungen abgewinnen, wie etwa 

  • Ich sollte mehr den Blick nach oben richten und mich nicht in Details verlieren

  • Ich sollte mir viel frische Luft und Bewegung gönnen

usw.

Die Mehrdeutigkeit des Bildes macht hier Sinn; sie spiegelt die Tatsache wieder, dass es mehrere Lösungen für das Problem gibt. 

Der Sinn der Tarotkarten

Die Tarotkarten können als ein Inventar von Traumbildern verstanden werden. Sie enthalten die archetypischen Traumbotschaften der Menschheit, aus denen wir mit jeder Kartenlegung einige Bilder beziehen können. Die Tarotgestalten kommen aus einer tiefen, oftmals unbewussten Schicht in der Seele des Tarotspielers. Sie sind Abbilder seiner Psyche. Die Tarotkarten können unsere Wünsche und Sehnsüchte wiederspiegeln. Sie können neue Zusammenhänge schaffen oder Erinnerungen wachrufen. Sie können in gewisser Weise sogar heilend wirken, indem sie uns mit unserer inneren Natur versöhnen helfen. Oft geben sie neue Ideen, Denkanstöße und zeigen eine bisher vernachlässigte Dimension des Lebens auf.

Nur eines können Bilder nicht: auf der Alltagsebene für uns entscheiden. Dazu sind sie nicht eindeutig genug. Deshalb hat der Tarot kein einzige Ja- oder Nein-Karte. Jedes einzelne Bild ist mehrdeutig.  Wem aber daran gelegen ist, die vielen Schattierungen und Differenzierungen des eigenen Inneren kennen zu lernen, ist mit diesen Karten erstklassig bedient. Zwar lassen sie uns vor Alltagsentscheidungen manchmal allein, sie führen jedoch nach innen zu einer Persönlichkeitsschicht, die kreativ und sehr potent ist. Sie zeigen uns in der Tiefe unseres Herzens eine Quelle, die uns stärkt. Dort findet sich alles, was wir brauchen, um im Alltag richtig zu entscheiden: Intuition, Kräftereserven und eine psychische Intelligenz, die oft auch dann noch Lösungen sieht, wenn die Alltagslogik mit ihrem Latein am Ende ist.

www.astrologieschule.org