Mariä Himmelfahrt – wahrscheinlich der Feiertag mit der merkwürdigsten Regelung überhaupt: das Saarland, na gut … aber selbst in Bayern muss man von Gemeinde zu Gemeinde nachsehen, ob man überhaupt frei hat.

 

Natürlich nicht, wenn man Münchner ist, so wie ich – denn München ist nicht nur (immer noch, trotz der „Zuagroasten“) grundkatholisch, sondern auch durch und durch Marien-Stadt. Das erschließt sich selbst bei grobem Hinsehen sehr schnell: eine Stadt, auf deren Hauptplatz eine goldene Marienstatue wacht – weshalb dieser Hauptplatz, natürlich, Marienplatz heißt – und deren Haupt- und Bischofskirche der „Dom zu Unserer Lieben Frau“, also eine Marienkirche, ist, hat sich wohl der Mutter Gottes verschrieben.

 

 

Trotz dieser Geneigtheit meiner Heimatstadt habe ich den Feiertag sehr profan verbracht – und mich einen Tag später auf eine sehr seltsame Prozession ihr zu Ehren … nein, ich sollte allgemeiner sagen zu Ehren der Muttergöttin, begeben: eine „Prozession“ in Form einer Stadtführung. Die Stadtspürer luden zur Führung „München und die Himmelskönigin – im Spiegel des Tarot“. Die fachkundige Leitung der Führung hatte Stadtspürer-Gründer Christopher Weidner, und für die Spiegelung im Tarot war die Vorsitzende des Tarotverbands, Kirsten Buchholzer von den Mantikern, aus Hamburg zu Gast.

 

Da nunmal kein Feiertag mehr war und samstägliches Gedrängel in der Innenstadt, erwiesen wir der Maria auf dem Marienplatz nicht die Ehre, sondern begannen gleich am Dom, von den Münchnern schlicht Frauenkirche genannt. Auch hier fungierte das Portal als Nadelöhr für die hereindrängenden Menschen, was eine Teilnehmerin zu dem Ausruf „da drin ist bestimmt die Hölle los“ verleitete, aber das erwies sich glücklicherweise in jeder Hinsicht als Trugschluss (so schlimm scheint es um die katholische Kirche doch nicht zu stehen) – und ausführlichen Betrachtungen über die verschiedenen Mariendarstellungen standen nicht einmal besonders viele Menschen im Wege.

Schutzmantel-Madonna

Als Tarot-Mensch neige ich ja dazu zu glauben, ich wäre mit Symbolik und Ikonografie einigermaßen vertraut. In Kirchen merke ich aber immer wieder, wieviel vom Hintergrund aus Evangelien, Lithurgie und Tradition mir fehlt, um die Darstellungen im christlichen Kontext wirklich zu verstehen. Konnten die Menschen in früheren Zeiten diese wirklich ganz selbstverständlich lesen?

 

Die Ähren auf dem Kleid der Schutzmantel-Madonna zu sehen und von ihr die Linie zu ziehen über Demeter/Ceres zur Herrscherin in den großen Arkana, ist die eine Sache. Aber dass das Mutter-Mutter-Bild Marias Mutter Anna mit dem Jesukind auf dem Arm und Maria am Rockzipfel zeigt ... dass eine Maria Immaculata mit zwölf Sternen bekrönt ist wie die Herrscherin und noch ohne Kind – hätten Sie es gewußt? Christopher ist ein wunderbarer Führer durch den Darstellungswald. Und eine der schönsten Einsichten für mich: eine Marienkirche hat immer einen Sternenhimmel (und der der Frauenkirche ist besonders schön, weil dynamisch). Danke für die vielen Hinweise!

 

Von Mütterlichkeit und grundsätzlicher Fruchtbarkeit zu dem, was eigentlich davor kommt: die Grundspannung zwischen männlichem-weiblichem und die Empfängnis (und sei es nur die unbefleckte): wir stehen am Brautportal des Doms. Die Feststellung, dass früher Trauungen unterm Kirchenportal vollzogen wurden und nicht im Hauptraum der Kirche, war mir völlig neu. Aber der Hinweis auf den Zweck des Portals ist eindeutig: in vielfältigen Gleichnissen wird das Thema wieder und wieder aufgegriffen. Natürlich mußten hier die vielfätigen Varianten der Liebenden zum Vergleich gezückt werden.

 

Es erscheint mir immer noch ein liebenswerter Zug am Katholizismus, dass er, im Gegensatz zum Protestantismus, die Marienverehrung und damit eine Form des Kults der Muttergöttin bewahrt hat. Das ändert aber natürlich nichts daran, dass das Weibliche auch den Sündenfall Adams und damit die Ursünde verkörpert. Auf eine Erscheinungsform dieser Symbolik stießen wir an unserer nächsten Station: der Teufel, den der heilige Michael an der Fassade des St. Michaels Kirche ersticht, hat Brüste. Und wo finden wir diese Brüste wieder? Auf der Teufelsgestalt des Marseiller Decks. Ein wenig mehr Teufelin also ...

 

Über einen Kreuzweg im Hackenviertel, der von zwei Haus-Marien beschirmt wird – darunter die wunderbare Maria im Birnbaum aus dem Bild – auf dem Weg zu einer der drei wundertätigen Madonnen Münchens ging unsere Runde zuende.
Dabei schloss sich einerseits der Kreis zu den Marienfeierlichkeiten, denn das Hackenviertel, einst ein Hag, ein eingezäunter Garten, kann man in Bezug sehen zu den Kräutersträußlein, die an Mariä Himmelfahrt in den Kirchen geweiht werden. Hier zelebriert die katholische Kirche un-(oder halb-) bewußt, dass auch die weisen Kräuterfrauen, wiewohl oftmals als Hexen diffamiert, natürlich nur eine Ausprägung der Muttergöttin sind.

 

Und einen kleinen Höhepunkt fand die Führung noch an ihrer Abschlußstation: in der Heilig-Geist-Kirche, wo in einem Seitenschiff jene wundertätige (die Talhammer) Madonna ihren Platz fand, befindet sich gerade eine Installation, die diese Kirche zum Grünen und Blühen bringt ...

 

... und damit verbleibt mir nur, noch einen schönen Frauendreißiger zu wünschen.
Und wenn Sie in die schöne Marienstadt München kommen empfehle ich Ihnen die Stadtspürer – sie werden Dinge sehen lernen, die Sie sonst übersehen hätten ...