Haindl Tarot

  • Er hat unserer Erde eine große Kraft hinterlassen - Er vermittelte einen Zugang zum Leben und öffnete das Herz von jedem, dem er begegnete.

    Ein Nachruf von Ireen van Bel-van der Veer

    „Ohne mein Leben mit den Indianern, hätte ich meinen Tarot nie gemalt.“ Hermann Haindl Hermann Haindl wurde 1927 als Sohn von bekannten Künstlern geboren. Seine Jugend war frustrierend und einsam. 1933 begann seine Schulzeit, die wohl sehr unglücklich verlief. Er fühlte sich nicht wohl, denn der Lernstoff interes-sierte ihn nicht. Er stotterte so stark, dass er sich nicht klar verständlich machen konnte.

    Das einzige, was er tat, war, Blätter vollzukritzeln. An einem Tag begrüßte ihn die Lehrerin mit den Worten: „Geh aus meinen Augen, setz’ dich ganz nach hinten. Ich kann deinen Anblick nicht ertragen, er macht mich krank.“ Sein Schicksal als Dümmster der Klasse war besiegelt. Sein Stottern wurde immer schlimmer. Malen war das einzige, was er gut konnte. Jahre später würde er sein Tarot malen, in dem »Der Narr« an Parzival erinnert. Parzival, der die Aufgabe hatte, den »König« und das »verwundete Land« zu heilen, es jedoch unterließ, die richtige Frage zu stellen. Er musste »sprechen lernen«, die Angst überwinden.

    Sein Großvater sagte „Bub, Bub, was soll mal aus dir werden. Vielleicht kannst du mit Malen dein kärglich Brot verdienen.“ Das hatte sein Großvater gut erkannt, und glücklicherweise war das Brot besser belegt, als erwartet. Im Alter von vierzehn Jahren wurde er Lehrling bei einem bekannten Bühnenbildner, der ihn mit strenger Hand zu einem hervorragenden Bühnenbildner ausbildete. Er lernte ein neues Gefühl kennen, die Freude am Erfolg.

    Als er siebzehn Jahre alt war, musste Haindl als Soldat in den Krieg ziehen. Er wurde schon bald gefangen genom-men und verbrachte fast vier Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft. Er hat dem Tod mehrmals in die Augen schauen müssen, doch wurde er jedes Mal auf wundersame Weise von Unbekannten, sogar von »Feinden« gerettet. Eines Tages entdeckte er den Sprössling einer Birke, der dicht hinter dem Zaun seines Lagers wuchs. „Er besuchte das Bäumchen täglich und schaute, wie es stetig wuchs und seine Blätter entfaltete, wie die Sonne es beschien und der Regen sowohl auf den Zaun, als auch auf das Bäumchen fiel“, wie Erika Haindl so schön beschrieb. Das wurde ihm ein Symbol von Trost und Halt.

    Auf Karte 13 „Transformation“ (Der Tod) hat er links oben einen Birkenast gemalt. Ein trockenes Blatt weht vom Ast herunter, und es wächst schon eine neue Knospe: Tod und sich entfaltendes Leben sichtbar nebeneinander.

    Ein kleines Birkenbäumchen ist eigentlich etwas ganz Alltägliches, doch in dem Lager zwischen Stacheldraht war es etwas ganz Besonderes für den jungen Hermann Haindl. Er fühlte sich verloren, erniedrigt und seiner menschlichen Würde beraubt. Es war, als ob das Bäumchen ihm »lebe weiter« sagte, und er nahm die Botschaft an. Es war, als ob er das Wachstum des Bäumchens sowohl physisch als auch geistig in sich aufnahm und dies ihm die Kraft gab, weiter zu leben. In dieser Zeit entstand seine Überzeugung, dass unsere menschliche Existenz von göttlicher Kraft durchdrungen ist. Das wurde für ihn zu einem unerschöpflichen Strom von Lebenskraft.

    Haindl hat sowohl in der Schule, als auch als Kriegsgefangener erfahren, was es heißt, ein Ausgestoßener zu sein. Er war wiederholt menschlicher Willkür ausgeliefert und erfuhr körperliche Gewalt und psychische Unterdrückung. Die Folge war, dass er ein großes Mitgefühl entfaltete. Besonders für Menschen in verletzlichen Positionen, für die bedrohte Natur und für das kulturelle Erbe setzte er sich mit Herz und Seele ein.

    Blicke mal in das Gesicht des Hierophanten: Welche Ehrfurcht und Demut spricht daraus! Haindl sagte, dass der Hierophant in ihm als Maßstab dafür diente, wie er sein Leben zu leben hatte.

    Er war davon überzeugt, dass Spiritualität und Politik untrennbar verbunden sind. Deshalb wurde er als einer der ersten aktives Mitglied der »Grünen« in Hofheim. Bei einer Veranstaltung begegnete er einer Delegation traditionell lebender Indianer. Sie berichteten von ihrer aussichtslosen Position, ihres verlorenen Landes und ihrer kulturellen Identität beraubt. Die Vertreter der Indianer wollten ihr kulturelles Selbstbewusstsein wiederherstellen und süchtige Indianer heilen. Als Haindl sie hörte, lud er die ganze Gruppe spontan zu sich nach Hause ein. Die Indianer gaben diese gastfreundliche Adresse an ihre Familien und Freunde weiter, so dass die Familie Haindl jahrelang von Indianern besucht wurde.

    Haindl malte seinen »Sohn der Kelche« als Parzival, der jetzt erwachsen geworden ist. Auf seiner Tarotkarte blickt er erstaunt und entsetzt auf das, was er sieht. Wenn Parzival dem Gral begegnet, öffnen sich seine Augen für die Wirklichkeit des menschlichen Leidens, die Folge des patriarchalen Kriegs- und Eroberungswahns. Er schaut auf den verwüsteten Zustand der Erde. Der Zugang zur Liebe in sich selber, zum Gral, weckt in ihm die Verantwortung, die er als Bedürfnis empfindet, die Liebe weiterzugeben, sie erleben zu lassen. Diese Karte zeugt von diesem frischen Bewusstsein.

    Als Dank für die jahrelange Gastfreundschaft lud »Brave Buffalo« Hermann und seine Frau Erika zu einem traditionellen Sonnentanz der Lakota ein. Dies war eine große Ehre, denn grundsätzlich waren keine Weißen zugelassen.

    Ein Sonnentanz ist kein Tanz nach unserer Vorstellung. Er ist eine bedeutungsvolle Zeremonie, die mit Schmerzen verbunden ist. Die Zeremonie dauert vier Tage und vier Nächte. Die Tänzer bilden einen Kreis, in dessen Mitte ein heiliger Baum steht. Sie enthalten sich des Essens und Trinkens. Herrmann Haindl berichtet: Durch zwei Schnitte in der Haut rechts und links über der Brust bekommen sie Stäbchen durchgezogen, woran jeweils ein Faden befestigt wird, die, zusammengeführt und verknotet, durch ein Seil mit dem heiligen Baum verbunden werden. Zum Rhythmus der Trommelschläge wird langsam getanzt, was wie ein „Auf der Stelle treten“ ist. Die Trommelschläge symbolisieren den Herzschlag der Erde. Der Blick der Tänzer ist unentwegt zur Sonne gerichtet, während sie, in Trance sich rhythmisch vor und zurückbewegend, ihr Seil anspannen. Letztendlich zerreißt die Haut und entbindet sie vom Baum. In diesem Moment ist für den Tänzer das Ritual beendet. Mit dem Sonnentanz gedenken sie des Lebens und der Schönheit der Erde, verbunden mit der Bitte um Glück und Schutz für ihren Stamm.

    Alles Leben ist auch Leid. Dieses Bewusstsein haben die Sonnentänzer. Durch ihre Entbehrungen und Schmerzen identifizieren sie sich mit den Leiden ihres Stammes, tragen sie, nehmen sie an. So überlieferte es uns der Indianer Black Elk.

    Doch Janet McCloud, Urenkelin von Chief Seattle, vertraute Erika und Hermann Haindl eine bedeutsame Ergänzung an, die wenig bekannt ist: Sie sagte, dass das Ritual auf spiritueller Ebene zu tun hat mit dem Wunsch der Männer, sich enger mit ihren Frauen zu verbinden. Sie sehen ein, dass Frauen körperlich zu leiden haben. Sie bluten jeden Monat und gebären unter Schmerzen. Die Frau steht in hohem Ansehen, denn sie gibt das Leben weiter. Das resul-tiert aus einer der Schöpfungsgeschichten der Indianer, worin eine Frau die Erde erschaffen hat. Die Schöpfungsge-schichte eines Volkes ist das Fundament für ihre Art zu denken und wirkt Jahrhunderte lang nach. Die Frau ist so-wohl Urmutter, Mutter Erde, als auch Großmutter und verkörpert durch ihre Fruchtbarkeit die Potenz des Lebens. Eine Frau verfügt von Natur aus über Heilungswissen, das sich ein Mann, um Medizinmann zu werden, oft mühsam erarbeiten muss. Als Beispiel hat Herrmann Haindl mir folgende Begebenheit genannt: Wenn jemand den Medizin-mann um ein Heilungsritual bittet, schickt er ihn zunächst zu seiner Frau, die beurteilt, ob dieses Ritual für ihn heil-sam ist oder nicht.

    Nach Rachel Pollack könnte man »Die Hohepriesterin« als Großmutter und »Die Regentin« (Herrscherin) als Mutter sehen.

    Als ich Hermann Haindl fragte, wie er sein Leben mit den Indianern erfahren habe, sagte er: „Das hat mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Ihre Werte unterscheiden sich völlig von unserer Moral. Es hat mein Verhältnis zu Materie, Geld und Besitz stark beeinflusst. Die traditionell lebenden Indianer stehen in ständigem Kontakt zum »Großen Geist«, der Kraft des Kosmos, der ihr Leben füllt. Sie leben im Kollektiv mit ihrem Stamm, der Natur und dem Kosmos. Diese Kräfte sind integriert in ihrem alltäglichen Leben. Die Erde ist für die Indianer ein Geschenk für alle. Man kann sie nicht besitzen, wie die Kapital-Kultur es mit Gewalt erzwingt.

    Indem Haindl in seinem Tarot die Reihe der Münzen durch die Reihe der Steine ersetzt, verweist er auf den Unterschied zwischen der Materie und der Erde, die er als heilig empfindet, und dem Geld. Die Steine drücken Respekt und Liebe für Mutter Erde aus. Mit den vier dazugehörenden Hofkarten erinnert er an die große indianische Kultur. Er wählt Spider Woman als Mutter der Steine, Old Man als Vater, Chief Seattle als Sohn und White Buffalo Woman als Tochter. Ich möchte etwas zu der Tochter und zum Sohn der Steine sagen:

    White Buffalo Woman ist die Hauptperson eines zentralen Mythos der Lakotas nach einer Vision von Black Elk. Sie brachte den Oglala Sioux Indianern auf rituelle Weise die heilige Pfeife, die den Kontakt mit dem großen Lebensgeist symbolisiert und das Handeln auf Erden wieder beseelt.

    Chief Seattle, ein würdevoller und friedliebender Repräsentant der Indianer in Seattle, hielt im Parlament eine Rede vor dem Präsidenten der Vereinigten Staaten über die Rechte der Indianer, doch die Rede klang wie ein Gebet für die Erde. Er appellierte an unseren Lebenswillen. Er zeigte, wie die Indianer ihre Lebensgrundlagen ehren und mit ihnen über Generationen hinweg leben, anstatt sie kurzfristig auszubeuten.

    Haindl erzählte mir von der Feinfühligkeit der indianischen Sitten, die sich in ihrem alltäglichen Leben zeigt, indem sie zum Beispiel zur Begrüßung deine Hand nicht kräftig schütteln, sondern ihre Hand ganz sanft auf Deine legen. Die Idee dahinter ist, dass sie Dich mit ihrer Kraft nicht in Verlegenheit bringen wollen. Sie schauen nicht direkt in Deine Augen, sondern gerade etwas daneben, um Dich nicht zu bedrängen. Sie tragen Mokassins an den Füßen, um die Erde nicht zu verletzen.

    Es verwundert nicht, dass Haindl sich in der sensiblen Sanftheit der Indianer wiedererkannte, eine Form der Begeg-nung, die ihm in jungen Jahren so sehr fehlte und die später auch seine körperlichen Schmerzen linderte und in manchen Fällen sogar heilte:

    Nach dem ersten Sonnentanz, dem Haindl beiwohnte, wurde an ihm eine Heilungszeremonie durchgeführt. Er konnte nicht gehen wegen seines schmerzhaft geschwollenen Beines. Brave Buffalo weihte ihn zuvor in die Geheimnisse des Rituals ein, indem er sagte, er solle nicht versuchen begründen zu wollen, was nachher im Zelt geschehen wer-de, sondern sich dem anvertrauen wie ein Kind. Wenn er nach logisch-rationalen Begründungen suche, würde sich nichts ändern, bliebe die Zeremonie wirkungslos. Dies sah Haindl als eine große Lektion! Das Begründenwollen schwächt die Kraft des Wandels. Während der Zeremonie war es ihnen, als ob sie eine andere Welt betraten. Es war, als ob sie den kraftvollen Flügelschlag des Adlers als Wirbel in der Luft und die Anwesenheit der Totemtiere spürten. Das ist eine Bestätigung der Kraft des heilenden Wandels. Nach vierzehn Tagen war sein Bein geheilt, und er konnte wieder Schuhe tragen.

    Haindl sagte oft, dass er ohne die Begegnung mit den Indianern sein Tarot nie gemalt hätte. Der Respekt und die Sorge für das Leben der traditionellen Indianer wirkten in seinen Taten weiter. Er hegte schon lange Zeit den Wunsch, ein eigenes Tarot zu schaffen. Die selbstlose Lebensweise der Indianer und die vielen Gespräche mit ihnen verstärkten dieses Verlangen.

    Er reiste in alle vier Windrichtungen, nach England, nach Ägypten, nach Indien und nach Amerika. Er meditierte an deren heiligen Orten und öffnete sich so für diese Kulturen. Was er dort lernte, inspirierte die Benennung und Dar-stellung seiner Hofkarten.

    Die Mütter / Königinnen – repräsentieren die Kulturkreise aller vier Himmelsrichtungen

    Haindl plante nicht, welche Karte er malen würde. Er meditierte, stimmte sich ein, kleckste Farbe auf die Leinwand, und plötzlich erkannte er in den sich ergebenden Formen das Bild einer bestimmten Karte und malte es aus. Es war, als ob seine Eindrücke der Reisen sich darin spontan zeigten. In dieser Art, das Tarot zu malen, spiegelt sich seine große Lektion, die er als Geschenk der Indianer annahm: das Wunder des sich Anvertrauens an lebendige Entfal-tungen, dessen Erleben die Indianer in ihm verstärkten.

    Es war ihm eine große Freude, seine erworbene spirituelle Weisheit in dem Tarot wiederzugeben. Das ist deutlich zu sehen in seiner Karte des Eremiten. Wer sonst als Hermann Haindl bringt es fertig, den immer ernsthaft abgebildeten Eremiten lachend den Berg herab tanzen zu lassen.

    Bilderverzeichnis: „Der Haindl Tarot“ Verlag Knauer-Esoterik Literaturverzeichnis: „Bub, Bub, was soll mal aus dir werden“, Herrmann Haindl „Der Haindl-Tarot“, Rachel Pollack “The North-American Indian”, Edward S. Curtis “Als de schildpad sterft”, Dick de Soeten Ein großes Danke an Sandra Lamm, Anneliese Schramm-Geiger und Franz-Jürgen Schmitt für die liebevolle Hilfe beim Übersetzen.

    Ireen van Bel-van der Veer arbeitet als Tarotlehrerin am Zentrum für altes und neues Wissen in Hofheim bei Frank-furt. Sie hält Vorträge mit Bildmaterial von Hermann Haindl. Informationen dazu: E-mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

     

    Die Bilder mussten hier auf der HP aus Platzgründen leider weggelassen werden. Der ganze Bericht kann per email auf Wunsch angefordert werden bei:

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